Die Burg zu Stolberg

Die Burg zu Stolberg

Dr. Franz Kutsch

Die alte Kupferstadt Stolberg liegt mit ihrem Kern in dem engen Tal des Vichtbaches. Im Laufe der Entwicklung sind die beiderseitigen HöhenrĂŒcken besiedelt worden, die sich nach Norden in die Börde absenken und sich nach SĂŒden zur VennflußflĂ€che weiten, wo zwischen WĂ€ldern und Wiesen eingemeindet idyllische Dörfer liegen. Heute umfasst das Stadtgebiet etwa 100 qkm und reicht nach SĂŒden bis weit in den Naturpark Nordeifel.

Stolberg, das gegenwÀrtig rund 60.000 Einwohner zÀhlt, ist geprÀgt von einer vielseitigen und breitgefÀcherten Industrie.

Das weithin sichtbare Wahrzeichen dieser modernen Industriestadt ist seltsamerweise eine mittelalterliche Burg. Doch darin liegt nichts Verwunderliches, wenn man die Geschichte der Burg kennt und weiß, dass Stolberg seine Entstehung und industrielle Entwicklung den ehemaligen Burgherren verdankt.

Die Burg mit ihren WohngebĂ€uden, ihren wuchtigen TĂŒrmen, Umfassungsmauern und WehrgĂ€ngen liegt auf einem mĂ€chtigen Kalksteinfelsen oberhalb des Vichttales. Die starken Mauern sind so kunstvoll in dem Felsen verankert, dass die ganze Burganlage wie aus dem Gestein herausgewachsen erscheint.

Wann und aus welchen GrĂŒnden auf dem Felsen das erste befestigte GebĂ€ude errichtet wurde, ist ungewiss. Möglicherweise befand sich dort in römischer Zeit ein Wachturm, sind doch nachweislich viele mittelalterliche Burgen an den StĂ€tten römischer Kastelle und Straßenwarten erbaut. Die Sage will wissen, Karl der Große habe sich auf dem Felsen, von dem aus das damals sicher reizvolle Vichttal zu ĂŒbersehen und zu beherrschen war, ein Jagdschloss erbaut. Historisch gesicherte Erkenntnisse lassen sich erst fĂŒr die Zeit kurz nach 1100 gewinnen, wobei allerdings zu bedenken ist, dass zufĂ€llig erhaltene Daten keineswegs den Zeitpunkt der Entstehung wiedergeben mĂŒssen. In mehreren Urkunden des 12. Jahrhunderts – die Ă€lteste stammt aus dem Jahre 1118 – wird ein Edelherrengeschlecht derer von Stalburg erwĂ€hnt. Daraus ist zu schließen, dass mindestens bei Beginn des 12. Jahrhunderts auf dem Felsen – ĂŒbrigens ein StĂŒck oberhalb der jetzigen Wehranlage – eine Burg gestanden haben muss. Unter „Burg“ darf man sich freilich keine hochragende Feste vorstellen. „Burg“ wurde in jener Zeit jeder irgendwie abgesonderte und befestigte Wohnsitz eines Grundherren genannt. Der um 1100 erwĂ€hnte Herrensitz dĂŒrfte eine bescheidene Hofanlage gewesen sein, zu der Waldungen, Wiesen und Ackerland gehört haben. Da der Hof aber durch seine Lage auf dem Felsen in der Tat gesichert und fest war, werden ihn die Besitzer nicht ohne Stolz „Stal“burg genannt haben. Denn „Stal“ ist das mittelhochdeutsche Wort fĂŒr „Stahal“ oder „Stal“ in seiner ursprĂŒnglichen Bedeutung von „fest, standhaft“. Demnach bedeutet Stalburg nichts anderes als „feste Burg“.

Übrigens hat sich aus Stalburg durch lautliche und sprachliche Abwandlung der heutige Name „Stolberg“ entwickelt.

Der Herrensitz hat im Laufe der Jahrhunderte vielfach den Besitzer gewechselt. Zeit und Witterung mĂŒssen dem GebĂ€ude arg zugesetzt haben, wie sich aus einer Urkunde aus dem Jahre 1364 schließen lĂ€sst. Der neue Besitzer wird nĂ€mlich verpflichtet, an der Burg 400 Gulden zu verzimmern und zu verbauen. Sie muss also in einem schlechten baulichen Zustand gewesen sein.

Im Jahre 1447 kann von einem burgartigen GebĂ€ude ĂŒberhaupt nichts mehr bestanden haben. Denn der Herzog von JĂŒlich, der mittlerweile die Herrschaft Stolberg in seinen Besitz gebracht hatte, belehnte mit „Staelburg uf der Veicht“ Wilhelm von Nesselrode unter folgender Bedingung: sollte Wilhelm den Berg mit einer Burg versehen, so soll diese „Offenhaus“ der Herzöge von JĂŒlich sein. In der Tat entschloss sich Wilhelm, eine gerĂ€umige Feste auf dem Felsen zu errichten, denn die ZeitlĂ€ufe waren unruhig und unsicher. Immer wieder entstanden Fehden durch die verworrenen und umstrittenen Eigentums-, Rechts- und HoheitsverhĂ€ltnisse der vielen weltlichen und geistlichen Territorien zwischen Maas und Rhein. Wilhelm baute einen mĂ€chtigen runden Bergfried, an den sich nach Westen ein großes PalasgebĂ€ude anschloss, das durch einen niedrigen Anbau erweitert war. Die Verbindung mit einem Flankierungsturm auf der Westseite stellte ein Torbau her. Eine Zeichnung aus der Mitte des 16. Jahrhunderts gibt diesen Neubau wieder, der im Kern der heutigen Burg noch deutlich zu erkennen ist. Im Schutze der Wehrmauer lag die Burgkapelle, an deren Stelle spĂ€ter die heutige katholische Pfarrkirche St. Lucia errichtet wurde.

Die Burg hat im Laufe der Jahrhunderte durch Brand, PlĂŒnderung, Pulverexplosion, Erdbeben und Kriegseinwirkung starke SchĂ€den erlitten. Bei den Instandsetzungsarbeiten hat die Anlage nach den WĂŒnschen und BedĂŒrfnissen der jeweiligen Besitzer wesentliche bauliche Erweiterungen erfahren, die leider nicht immer urkundlich belegt sind. So hat man beispielsweise vom Fuße des Felsens aus an zwei Stellen (Burg- und Klatterstraße) ein verwickeltes System von Stollen in den Kalksteinfelsen getrieben, die oben an der Burg auskommen. Sie dienten bei Gefahren als geheime Fluchtwege fĂŒr die Burgbewohner.

Nach 1542 erhielt das PalasgebĂ€ude unter Hieronymus von Efferen nach einem großen Brand ein hohes Dach mit Treppengiebeln. Der westliche Flankierungsturm wurde mit einer polygonalen Schieferhaube versehen. Die großen Fenster erhielten Kreuz- und Quersprossen.

Doch bald war die Zeit der Burgen vorbei. Als ihre Wehrkraft bedeutungslos geworden war, erlitt auch die Stolberger Burg das Schicksal so vieler  Höhenburgen: sie zerfiel im 17. und 18. Jahrhundert. 1756 barsten durch ein Erdbeben viele Mauern. Das GebĂ€ude wurde immer baufĂ€lliger. Schließlich diente es nur noch armen Leuten vorĂŒbergehend als Unterkunft und Handwerkern als WerkstĂ€tten. Dass die Burg nicht ganz zerfallen ist, verdankt Stolberg dem Fabrikanten Moritz Kraus, der die Ruine im Jahre 1887 kaufte und in mĂŒhseliger Arbeit wieder aufbauen ließ. Die Kernanlage (Bergfried, Palas, Westturm) blieb erhalten, wurde allerdings dem StilgefĂŒhl der Zeit entsprechend mit romantischen Ziermotiven geschmĂŒckt. Der durch eine Pulverexplosion zerstörte Bergfried wurde wieder aufgebaut und mit einem Zinnenkranz versehen. Nach Norden hin wurde ihm ein Dansker vorgebaut, der durch eine BrĂŒcke mit dem Bergfried verbunden wurde. Der Westturm erhielt statt des Zwiebelhelms ebenso einen Zinnenkranz, nachdem man ihn um ein Geschoss erhöht hatte. Unterhalb des Westturmes wurde ein wuchtiger Vierkantturm neu errichtet.  Dem Palas wurde auf der Nordseite in der ganzen GebĂ€udelĂ€nge eine Halle vorgesetzt. Neu angelegt wurde auch die Vorburg an der Eselsgasse. Sie erhielt einen Wehrgang und entsprechende WachtĂŒrme.

So hat Moritz Kraus in jahrelanger, kostspieliger BautĂ€tigkeit die Burg aus einem TrĂŒmmerhaufen neu entstehen lassen. 1909 schenkte er die Burg der Stolberger BĂŒrgerschaft als unverkĂ€ufliches Erbe.

Erneute schwere BeschĂ€digungen wĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges gaben willkommenen Anlass, bei den Instandsetzungsarbeiten die stilwidrigen Elemente und ErgĂ€nzungen abzutragen und soweit wie möglich die ursprĂŒnglich architektonische Klarheit wiederzugewinnen.

Nach eingehenden baugeschichtlichen Untersuchungen, die drei deutliche Bauabschnitte erkennen ließen (Neubau unter Wilhelm von Nesselrode um 1450, Erweiterung unter Hieronymus von Efferen nach 1542, Umbau unter Moritz Kraus nach 1887) entschloss man sich, die Instandsetzungsarbeiten abzustimmen auf den Zustand unter Hieronymus von Efferen. Die drei östlichen RundtĂŒrme (Bergfried, Dansker und kleiner SĂŒdostturm) erhielten NĂŒrnberger Helme, der Westturm wieder die frĂŒhere polygonale Zwiebelhaube. Das PalasgebĂ€ude bekam ein Steildach mit beiderseitigem Treppengiebel und Walmgauben, der nach Westen anschließende niedrige Baukörper, die sogenannte Kemenate, ein Steildach ohne architektonische Betonung.

Im Inneren konnte der Rittersaal in der ursprĂŒnglichen GrĂ¶ĂŸe des ersten Bauabschnittes wieder erstellt und das Obergeschoss zu einer Galerie fĂŒr Ausstellungen hergerichtet werden. An den Rittersaal schließt sich die renovierte Kemenate an. Beide sind durch ein großzĂŒgig angelegtes Foyer zu erreichen.

(Quelle: Dr. Franz Kutsch, Herausgeber: Werbe- und Verkehrsreferat der Stadt Stolberg)