Die Chemische Fabrik Rhenania in Stolberg

Arbeitskreis Stolberger Geschichte
Erläuterungen zur Ausstellung MEINE HEIMAT „Stolberg zur Zeit der Industrialisierung“
Herausgeber: Arbeitskreis Stolberger Geschichte
Zusammenstellung: Heinz Foltz

4. Die Chemische Fabrik Rhenania in Stolberg

Friedrich Holtz


Die Rhenania entstand aus der 1850 gegründeten Waldmeisterhütte, die mit der Entwicklung von Erzröstöfen einerseits die Zinkblende zur Verhüttung aufbereitete und andererseits die hierbei anfallenden Röstgase zu Schwefelsäure und dann weiter zu Soda verarbeitete, wobei diese Soda, wie bereits erwähnt, sich zu einem regelrechten Schlüsselprodukt entwickelte, das für eine Vielzahl weiterer Industriezweige von Bedeutung gewesen ist.

Gegründet worden war die Waldmeisterhütte von dem Apotheker Friedrich Wilhelm Hasenclever, der kurze Zeit später auch Mitbegründer der Nachfolgegesellschaft „Chemische Fabriken Rhenania“ gewesen war, und der innerhalb dieses Unternehmens am Anfang einer langen Familiendynastie gestanden hat. Als nämlich Friedrich Wilhelm Hasenclever 1874 verstarb, übernahm der bereits als Ingenieur im Unternehmen tätige Robert Hasenclever die Firmenleitung. Nach dessen Tod wurde im Jahr 1902 ein dreiköpfiges Direktorium mit der Unternehmensleitung betraut, dem wiederum Max Hasenclever bis 1939 angehörte.

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auch in der Großchemie ein gewisser Zwang zur Konzentration spürbar, ein Trend, dem sich auch die Rhenania nicht entziehen konnte. Bereits 1887 hatte sie Teile der „Aktiengesellschaft für Chemische Industrie“ in Mannheim Rheinau übernommen. 1917 brachte die Rhenania die „Chemischen Fabriken Hönningen“ (Rhein) in ihren Besitz und begründete im gleichen Jahr zusammen mit den „Deutschen Kaliwerken“ die „Claus-Schwefel GmbH“ in Bernburg. Hierauf erfolgte 1920 der Zusammenschluss der „Chemischen Fabriken Kunheim“ und der Rhenania.

1928 fusionierten dann der „Rhenania – Kunheim Verein Chemischer Fabriken“ und die „Kaliwerke Neustraßfurt – Friedrichshall“  zu einem Großunternehmen der chemischen Industrie, das unter dem Namen „Kali-Chemie“ firmierte. Letztlich hatte sich somit eine Unternehmenskonstellation entwickelt, in der sich sowohl die Sodaherstellung als auch die hierzu erforderliche Gewinnung von Steinsalz in einer Hand befanden.

Die Rhenania wurde im zweiten Weltkrieg stark zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Es wäre noch ganz wichtig, zu erwähnen, dass gerade bei der Sodaherstellung Verfahrensprozesse abliefen, die von höchst subtiler Natur waren, und zu deren Beherrschung nicht nur Körperkraft, sondern in hohem Maße auch Geschicklichkeit und Zuverlässigkeit erforderlich waren. Und diese Tatsache darf man sicherlich nicht aus den Augen verlieren, auch wenn man vorwiegend über Technologien und über technische Abläufe berichtet, denn die Menschen waren hiervon immer auch ganz direkt betroffen. Und unter welchen Bedingungen sie ihrer Arbeit nachgehen mussten, können wir uns heute nicht mehr vorstellen, geschweige denn nachempfinden. Der zur Sodaherstellung verwendete Natiumsulfat-Ofen war ein ganz besonders krasses Beispiel für geradezu unmenschliche Arbeitsbedingungen, die man bei sachlich objektiver Betrachtungsweise als extrem, bei einfühlsamer Betrachtungsweise eher als höllisch bezeichnen müsste.

Zum „Umkrücken“ (Mischen und Rühren mit schweren Eisenstangen) und Abziehen der eingesetzten Chargen waren diese Öfen mit Arbeitsöffnungen versehen, durch welche ein Teil des freiwerdenden Salzsäuregases entweichen konnte. Diesem entweichenden Salzsäuregas waren die Arbeiter (zusätzlich zu der fast unerträglichen Hitze) ausgesetzt. Das stark ätzende Gas verursachte offene, schlecht heilende Wunden vorwiegend an Händen und Armen, und – schlimmer noch – es zerfraß die Zähne und die Mundschleimhäute. Natriumsulfat-Arbeiter, die im deutschen Sprachraum „Salzkuchenmänner“ genannt wurden, waren auf den ersten Blick zu erkennen, weil ihre Zähne schwarz wie Kohlen aussahen.

Neben der Soda-Industrie waren Düngemittelfabriken, die Superphosphate herstellten, ebenfalls Großabnehmer für Schwefelsäure. In unmittelbarer Nachbarschaft der Rhenania hatte sich eine derartige Kunstdüngerfabrik angesiedelt. Dieses Unternehmen mit Namen A. Schippan & Co. profitierte natürlich ebenfalls von der Schwefelsäure, die in unmittelbarer Nähe beim Abrösten der schwefelhaltigen Erze anfiel.

Auch hier lässt sich wiederum deutlich erkennen, wie weitreichend und vielfältig die Bedeutung der Stolberger Erze gewesen ist, die über das Verbindungselement Schwefelsäure  auch die Verfügbarkeit von Düngemitteln und somit sogar die Landwirtschaft beeinflusst haben.

Die Produktionsanlagen der Düngemittelfabrik Schippan wurden 1920 durch eine schreckliche Explosion zerstört, die 23 Menschen das Leben kostete. Lange vorher jedoch war das Unternehmen von der Rhenania mit dem Hauptziel übernommen worden, sich den Absatz von Schwefelsäure zu sichern.

In diesem Beitrag sind Textauszüge aus einer Veröffentlichung des Heimat- und Handwerksmuseums verwendet worden. Die im November 1994 neu erschienene Publikation beschäftigt sich mit Standortfaktoren, die den Wirtschaftsraum Stolberg seit der Römerzeit entscheidend beeinflusst haben.